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Energie die bewegt


Tesla Roadster – Impressionen


Posted on 19.07.2013 , by Oliver Zechlin in Test . No Comments

Tesla Roadster – Impressionen

Tesla Roadster – in Saus & Braus

Anfang Juli durfte ich im Anschluss an die grösste Elektroauto-Parade der Welt in Zürich – mit 388 Elektroautos auch der längste emissionsfreie Autostau – ein paar Stunden Tesla Roadster erleben.

Schon lange wünschte ich mir eine Probefahrt mit der Ikone der Elektrofahrzeuge. Der seit Mai 2009 in Europa verfügbare Tesla Roadster (Tesla R) war das Aushängeschild der neuzeitlichen Elektromobilität. Sein grosser Bruder, die Limousine Tesla S, löste ihn als Gallionsfigur (Consumer Reports: „best car we ever tested“) mittlerweile ab. Ohne den Tesla R wäre der Funke der Begeisterung nicht auf gedankenoffene Verbrennerpiloten übergesprungen. Das Bild der Elektrofahrzeuge wurde durch den Roadster ein anderes. Statt ästhetisch befremdlich kleiner Vernunftstromer für Weltverbesserer war da nun dieser Emotionen auslösender Elektrosupersportwagen. Unter vier Sekunden von 0 auf 100 km/h waren, und sind!, eine klare Ansage.

Das US-amerikanische Fahrzeug wurde bei Lotus in England produziert, und ist ein naher Verwandter der Lotus Elise auf der er basiert. Der Standardroadster, es gibt noch eine etwas leistungsstärkere Sport-Version, liefert 292 PS und 370 NM bei 0-5400 U/min. Das Gewicht des Carbonflitzers auf Alumuniumrahmen, ähnlich dem dann Ende Juli 2013 vorgestellten BMW i3, liegt mit Ladekabeln und Adaptern bei um die 1250 kg. Mit 3,94 m Länge und 1,87 m Breite ist der Tesla R etwas länger und breiter als die Elise und passt noch immer sehr bequem in ältere, engere Garagen.

Mit der 56 kWh Batterie sind bei moderater Fahrweise Reichweiten um die 350 km möglich. Je schneller desto schneller leer. Dies ist bei einem Porsche allerdings auch nicht anders. Der Energiegehalt der Tesla-Batterie entspricht dem Heizwert von ungefähr sechs Litern Benzin. Die Ladezeit beträgt laut Wikipedia mit Drehstromanschluss bei optimalen Bedingungen 1,5 bis 2 Stunden (400 V Drehstrom bei 63 A). Mit einem 32-A-Drehstromanschluss beträgt die Ladezeit etwa drei Stunden, bei 16-A-Anschluss sechs Stunden. Bei der am Probefahrtag vorherrschenden sehr sommerlichen Aussentemperatur liefen die Tesla Batterielüfter während der eingelegten Ladepause deutlich hörbar. Mit einem vorhandenen 32-A-Drehstromanschluss können drei Roadster gleichzeitig geladen werden, dazu setzt man einen Phasenverteiler ein: die hohe Kunst des Roadster Ladens.

Der von mir gefahrene senfgelbe Roadster hatte bereits 144-tausend Kilometer auf der Uhr. Ein weiterer anwesender deutscher Roadsterpilot fuhr sein Fahrzeug bereits über 200-tausend Kilometer. Nach einer kürzlich in den USA durchgeführten Studie verliert die Tesla R Batterie rund 6 km Reichweite pro gefahrener 16-tausend Kilometer. Nach rund 160-tausend Kilometer sind der Studie zur Folge, es wurden über 200 Fahrzeuge überprüft, noch immer 80-85 Prozent Restkapazität vorhanden. Bei der grossen Roadster Batterie ein zu verschmerzender Wert – man kommt nach diesen vielen gefahrenen Kilometern noch immer elektrisch weiter als alles andere serienmässig auf der Strasse elektrisch Fahrende (vom grossen Bruder Tesla S einmal abgesehen).

Der Ein- und Ausstieg in den Tesla R bedarf etwas Übung, der richtigen Technik und einer gewissen Grundfitness. Ich bereitete mich vor – durch Ansehen eines Lernvideos auf YouTube. Vor dem Einsteigen kommt jedoch das Öffnen der Türe. Beim Roadster drückt man einen gummierten Knopf um die Türe zu entriegeln. Eigentlich gut gemacht. Gefällt mir von der Handhabung her besser als die unergonomischen, herausfahrenden Türgriffe beim Tesla S. Einmal auf dem sehr bequemen Ledersitz Platz genommen schaue ich mich um: Der Cockpit-Eindruck vermittelt 2000er Jahre Flair. Nicht altbacken, nicht unmodern, aber irgendwie zeitlos funktionell stehengeblieben. Eine Sache gefällt mir ausserordentlich gut: statt eines Fahrstufenwahlhebels hat der Tesla R Druckknöpfe. Um rückwärts zu fahren, drücke ich die Taste „R“, um vorwärts zu fahren „D“. Sehr einfach, ohne viel Mechanik- und Platzaufwand. Die analoge Geschwindigkeitsanzeige empfand ich als relativ schwer lesbar, sowohl was den Blick durch das Lenkrad auf die Anzeige betrifft, also auch die Skalierung und damit die gefahrene Innerortsgeschwindigkeiten (30/50/60). Ein bisschen zu schnell wird in der Schweiz schnell ziemlich teuer. Die Geschwindigkeit kann auch an zwei weiteren Orten, dann in digitaler Darstellung abgelesen werden. Zum Einen zeigt der verbaute Alpine Naviceiver das Tempo an, als auch der tief angebrachte Bordcomputer. Beide Displays sind jedoch bei offenem Dach und heller Sonne schwer ablesbar.

Ich nahm zunächst als Beifahrer im sportwagentypischen enggeschnittenen Innenraum Platz. Der Fussraum ist tief, so dass auch lange Beine ihren Platz finden. Was er in der Länge hat, fehlt jedoch in der Breite. Woran es auch mangelt sind Ablageflächen jeglicher Art. Der Kofferraumdeckel ist fernbedienbar zu öffnen, der Kofferraum fasst 110 Liter. Das Schliessen des Deckels erfolgt manuell, am Besten in ähnlicher Art wie beim Kofferraumdeckel des 450er Smart Cabrios. Dessen Verschluss hat ebenfalls oft eine „Lieblingsseite“, so dass man diesen mit Nachdruck auf der nicht-Schokoladenseite zudrücken muss, um beidseitig schliessend einzurasten.

Der sehr tief liegende Tesla R fühlt sich darin sitzend gar nicht so tief an. Erinnerte mich an mein sportliches Liegevelo, auch wegen der in der Tiefe des Fussraumes ausgestreckten Beine. Bei Beiden gewöhnt man sich besser eine sehr vorausschauende Fahrweise an, und rechnet mit Verkehrsteilnehmern die einen übersehen könnten.

Bei Fahrt mit offenem Dach erstaunte mich die Wahrnehmung dass die gefühlte Geschwindigkeit bei langsamer Fahrt (Innerortstempo) höher war als die real gefahrene Geschwindigkeit. Bei Schweizer Landstrassengeschwindigkeit (80 km/h) ist es bereits recht zugig und die Windgeräusche kommen laut im Innenraum an. Es ist ein waschechter Roadster, keiner für weichgespülte Nackenheizungsnutzer. Gegen Zugluft helfen Schal, Mütze und eine passende Brille. Das Fahrwerk des Tesla R empfand ich noch als komfortabel. Natürlich muss es sportlich ausgelegt sein, die hohen möglichen Kurvengeschwindigkeiten wollen aufgefangen werden, aber in Verbindung mit dem für meinen Rücken sehr kompatiblen Gestühl würde ich auch vor langer Strecke nicht scheuen. Auch ohne vorher gebuchte Massage am Zielort.

Nach theoretischer Einweisung durfte ich dann selbst ans Volant. Gestartet wird mit einem Schlüssel, wie beim klassischen Verbrenner. Schade irgendwie. Die Fahrstufen werden durch Tastendruck ausgewählt, da böte sich ebenfalls ein Start/Stopp-Knopf an. Ausparkieren verlangt nach trainierten Armen – eine Servolenkung kennt der Tesla R nicht. Das kleine Go-Kart-ähnliche Lederlenkrad liegt gut in der Hand. Mit offenem Dach und beweglichem Fahrer, unterstützt von der Rückfahrkamera, sind Rangierarbeiten gut zu erledigen. Der Wendekreis des kleinen Flitzers ist allerdings gross.

Mit mehr als genügend zur Verfügung stehender Leistung fährt sich der Roadster souverän, verlangt aber einen beherzten festen Lenkradgriff. Was mich visuell beeindruckte: aus einer Ortschaft heraus beschleunigte der vor uns fahrende Roadster von 50 km/h auf Landstrassentempo. Wie von der Tarantel gestochen spurte der Roadster im fliegenden Start davon, unglaublich. Sehen heisst nicht fühlen: die selbst erfahrene Beschleunigung führte auch bei mir zum „Tesla Grinsen“. Dauernd schnell fahren bringt es nicht, der Wechsel, die spielerische Beschleunigung macht den Spass aus. Nur schnell fahren stresst, wird langweilig und saugt den Akku leer. Beschleunigungsliebende Roadsterpiloten rechnen nicht nur in Kosten pro Kilometer an Strom, sondern auch in Reifen. Ich wünschte mir noch einen „launch“-Tempomaten: sprich nach Tastendruck soll das Fahrzeug dann bis zur eingestellten Höchstgeschwindigkeit spurten. Diese „Fahrspassbremse“ könnte teure Bußgelder vermeiden.

Mit einer grosszügigen Batterie kam bei mir nicht mal ansatzweise der Gedanke an wieviel-Reichweite-haben-wir noch auf. Es reicht. Im bei der Elektroautoparade selbst gefahrenen CITROEN C-Zero blieb mein Auge schon regelmässig an der Batterieanzeige hängen. Ab batteriemöglichen Reichweiten von 200 km wird Elektroautofahren noch gleich viel entspannter.

Lüpft man den Fuss vom Strompedal setzt sofort eine relativ starke Rekuperation und Verzögerung ein. Richtig gefahren, benötigt man die Bremsen nicht oft. Soll mit der Bremse gebremst werden, so wurde mir gesagt, dann richtig. Luschiges auf den-Bremsen-stehen-bleiben-und-langsam-verzögern mögen die verbauten Verzögerer nicht. Wenn, dann richtig.

Der Tesla Roadster trägt den Roadsternamen zu Recht. Er verkörpert ehrliches, sportliches Fahren – der Tesla R macht R-iesigen Spass. Bei schönem Wetter und offenem Dach die Elemente geniessen, den Wind zu spüren (und hören), atemraubend beschleunigen um hinterher wieder dahinrollend zu cruisen – der rare geschichtsträchtige Roadster ist eine wahre Freude.

Der Roadster kann schnell Schnell. Er ist aber nicht nur ein Supersportwagen, sondern kann auch ein Supersparer sein: bei 85 km/h verbraucht er etwa 105 Wh, bei 100 km/h 130-140 Wh und bei 120 km/h etwa um die 160-180 Wh.

Als Roadster-Pilot kann man Teil einer sympathischen, hilfsbereiten community werden. Der Zusammenhalt und Austausch wird kultiviert gepflegt. Noch immer ist der Tesla Roadster der magnetische Anziehungspunkt für fahrzeuginteressierte Mitmenschen, und ein Aushängeschild für Elektromobilität. Leider hat er einen kleinen Sitzplatz zu wenig – bei zwei Erwachsenen mit grossem Hund müsste immer einer von uns Dreien zu Hause bleiben. Ich werde trotzdem weiterhin einen Blick auf Tesla Roadster Occassionen werfen, wer weiss…

 

Auto Motor Sport – Tesla Roadster Sport im Test – Sportwagen mit Elektromotor

InsideEVs – Results of Tesla Roadster Battery Capacity Tests Show Pack Should Retain Up to 85% Capacity After 100,000 Miles

Tesla-Fahrer und -Freunde Forum

Tesla Motors Club

WAVE – Grösste Elektroauto-Parade der Welt

Wikipedia – Tesla Roadster (de)

Wikipedia – Tesla Roadster (en; ausführlicher)

YouTube – Tesla Quicktip: How to get in

YouTube – Putting the roof on a Tesla Roadster (from within)





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