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Energie die bewegt


Smart ED Cabrio Sommernachtest


Posted on 17.10.2013 , by Oliver Zechlin in Test . No Comments

Smart ED Cabrio Sommernachtest

Das Smart ED Cabrio durfte ich bereits im vergangenen Winter testfahren. Im cabriogattungsfreundlicheren August durfte ich nun noch einmal hinter das Volant des weiss-grünen Elektroflitzers.

Mittlerweile ist ein neues Modelljahr angebrochen, u.a. mit neuen Aussenfarben. Der neue Konfigurator für den 2014 Smart ED ist in Deutschland und der Schweiz online. Allerdings kann ich bei keinem der beiden Konfiguratoren die bislang angebotene Option auf Batteriekauf entdecken. Der Blick in den Konfigurator lehrt uns auch: es gibt nur noch benzinbetriebene Smarts und den Electric Drive: das Diesel-Modell fällt weg.

Die bis dato sehr harzige Lieferfähigkeit soll laut Smart-Chefin Annette Winkler ein Ende haben: „Die Batteriefertigung läuft jetzt hoch, die Lieferzeit soll ab 2014 nur noch die üblichen sechs bis acht Wochen betragen“. In den kommenden Monaten solle sich die Lieferzeit von bis zu neun auf zwei bis drei Monate reduzieren. Anfänglich wurden Liefertermine wegen dem optionalen 22kW-Lader nicht eingehalten, dann kam der Werksumbau diesen Sommer hinzu, jetzt dann Probleme bei der Joint Venture Batteriefertigung mit Evonik. Seit Sommer 2012 wurden ~3k ED verkauft. Grossserie ist anders. Von diesen ~3k ging wohl ein beachtlicher Teil an die Daimler-eigene Car2go-Flotte. Lieferzeitenttäuschte Elektromobilisten munkelten bereits der Smart ED dient Daimler wohl vorwiegend als „greenwashing“ Fahrzeug. Was schade wäre, woran ich aber nicht glaube.

Fahren mit dem Smart ED

Der Smart wurde nicht nachträglich verstromert, sondern wurde schon von Beginn an als Electric Drive konzipiert. Bei der Konstruktion des Smart wurde der Batteriebodenplatz und die ausgeglichene Batteriegewichtsverteilung (175 Kilogramm) mit berücksichtigt. Das ED Cabrio ist im Vergleich zu seinen Verbrennerbrüdern souveräner und dabei herrlich ruhig. Durch die mittige Batterie im Fahrzeugkiel fährt und federt der ED komfortabler. Durch den Wegfall des halbautomatischen Schaltgetriebes, der ED hat nur einen Gang, entfällt auch das Smart-typische Nicken.

Noch immer bin ich beim ED begeisterter Paddelsportler und nutze die Umschaltmöglichkeiten D- D D+ der (optionalen) Lenkradpaddles um das eine oder andere Prozentchen Reichweite herauszukitzeln. Mit den Rekuperationspaddles kann ich je nach Gefälle und Fahrsituation die passende Brems- und Batterieladeeinstellung wählen. Und weniger pragmatisch: die Dinger machen einfach Spass, um z.B. ohne Bremse in, durch und aus dem Kreisverkehr zu segeln.

Sehr gut und übersichtlich finde ich auch die SOC-(state-of-charge, sprich Batterietankanzeige) Anzeige in Prozent im oben aufgesetzten Analoginstrument (beim Verbrenner-Smart sitzt dort der Drehzahlmesser). Statt abstrakter Segmentbalken im Display, welche ich erst im Kopf umrechnen muss, wird hier Tacheles angezeigt. Pragmatisch, praktisch, gut.

Oft und gerne nutzte ich den im Lenkradkranz integrierten Tempomat dessen Bedienung keinerlei Fragen aufkommen liess. Verwunderlich allerdings: der Tempomat benötigte ca. drei Sekunden bis er nach dem Drücken von ‚Cancel‘ – ‚Resume‘ wieder das Beschleunigen beginnt. Fahre ich mit aktivem Tempomat konnte ich beim Testfahrzeug mittels Paddles nicht die Rekuperationseinstellung (z.B. von D- auf D+) ändern.

Der Smart ED Schalthebel wird durch eine lineare Gasse geführt, eher wie bei einer Standard-Automatik, nicht wie beim „normalen“ Smart. Wie auch beim Gros von Standard-Automaten ist beim ED die „creep“-Funktion vorhanden: damit rollt das Fahrzeug selbstständig langsam nach Lösen der Bremse und ohne Strompedaldruck. Diese Funktion erleichtert „Rechter-Fuss“-Grobmotorikern das Zirkeln in Parklücken.


Sommerliche Fahrerfahrungen im Cabrio

Cabrio, yeah baby 🙂

Mittels Tastendrucks kann das Dach jederzeit in die Frischluftposition der Wahl gefahren werden. Anders als im Vorgänger-Smart Cabrio, dem Typ 450, muss man im Typ 451 nicht mehr aussteigen, um das Dach in seine finale Parkposition zu drücken, oder es von dort wieder nach oben in die Führungsschienen zu befördern. Dies freut nicht nur kurzgeratene Fahrer(innen). Coupéfahrer mit Panoramadach loben den (tag-)hellen Innenraum bei zurückgeschobenem Sichtschutz. Durch den hellen Dachhimmelstoff fühlte ich mich im Cabrio aber auch nicht beengt.

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind: mein Testfahrzeug kam ohne das optionale Windschott. 80, 90 km/h sind mit geschlossenen Seitenfenstern und eingesetzten Dachholmen bei geöffnetem Dach noch ohrenfreundlich, danach wird es dann schon laut(er). Ideal also für das Landstrassencruising mit offenem Dach auf Schweizer Landstrassen: dort sind nur reichweitefreundliche 80 km/h gestattet. Bei Auffahrt auf die Autobahn ist die sonst vorhandene Innenstadt-Tempoquirligkeit nicht mehr präsent: die oben raus zähe Beschleunigung macht sich bemerkbar. Bei Fast-Vollgas-Beschleunigung geht die Anzeige der „Entzugsleistung“ auf 90 Prozent. Trete ich bis auf das Bodenblech springt die Anzeige auf 100 Prozent. Längere offene Autobahnetappen müssen nicht sein, speziell wenn der Weg durch Tunnels führt.

Serienmässig können die Fensterholme des Cabrios in der Kofferraumheckklappenablage verstaut werden. ED Fahrer können sich als kostenfreie Option eine andere Halteschale für die Ablage ordern: statt der Holme kann dann dort das gelbe Spiralladekabel mit Ladebox untergebracht werden.

Im Cabrio würde ich mir für den urbanen Einsatz mit engen Parklücken Parkpiepser oder Rückfahrkamera nachrüsten lassen. Ja, selbst bei einem solch kleinen Auto. Bei offenem Verdeck ist die rückwärtige Sicht sehr eingeschränkt. Geschlossen mit möglichem Blick durch die Heckscheibe (sollte dort kein im Kofferraum mitfahrender Hund im Weg sein) ist es natürlich kein Thema. Apropos Blick nach hinten: moniert wurde das Nichtvorhandensein eines Schminkspiegels in den Sonnenblenden.


Verbrauchstest offen/geschlossen

Ich fuhr zweimal hintereinander die gleiche Runde um den Zugersee, zunächst mit ganz offenem Dach (Holme blieben montiert, Fenster oben), dann geschlossen. Bei beiden Fahrten blieben bis auf die Scheinwerfer alle zusätzlichen Verbraucher ausgeschalten. Meine Fahrweise war nicht die effizienteste, da ich vergleichbare Geschwindigkeiten fahren wollte. Sprich ich bin nach erlaubtem Richttempo gefahren, und habe nach einem maximaltempovorgebendem Verkehrsschild alsbald beschleunigt – wohl wissend, das kurz darauf wieder bremsen/rekuperieren notwendig ist. Die beiden Runden unterschieden sich unwesentlich in der erzielten Durchschnittsgeschwindigkeit (54,x zu 54,y km/h). Mit dabei waren ein paar Kilometer Tempo 100/Tempo 120 auf der Autobahn.

Mit offenem Dach fahren kostet Stromaufschlag. Dieser ist mit rund 1,5 kwh finanziell vernachlässigbar. Diese 1,5 kwh Mehrverbrauch wirken sich allerdings auf die erzielbare Reichweite aus. Bei Offenfahrten mit Landstrassentempo können dies schon mal zehn Prozent weniger Reichweite sein. Dies sollte man bei seiner Routenplanung mit berücksichtigen.


Infotainment

Der Testwagen hatte das optionale Smart Doppel-DIN Naviradio mit Touchscreen. Die im Wintertest genannten Minuspunkte (langsamer GPS fix, langsamer Navi-app Start, keinerlei ED-Integration) sind nach wie vor gültig. Was mir diesmal positiv auffiel: die letzten drei Ziele stehen als Kurzauswahl antippbereit zur Auswahl. Die Navigations-Ansagen sind auch aussagekräftig, wie z.B. „nach dem Tunnel abbiegen“.


Command Vehicle Homepage

Während des Wintertests war noch kein COM-Modul eingebaut, so dass kein Zugriff auf die Vehicle Homepage (VH) möglich war. Dies wurde zwischenzeitlich im Testfahrzeug nachgerüstet. Via der VH sind im (und ausschliesslich dort!) Google Chrome Browser diverse Fahrzeugeinstellungen fernsteuerbar. Weiterhin können der Ladezustand und weitere Infos abgefragt werden. Eine dedizierte App für Smartphones gibt es nicht, auf diesen muss Google Chrome installiert werden. Auf dem Samsung Galaxy S2 mit SwiftKey-Keyboard war die Eingabe der Login-Daten mühsam, da das Passwortfeld nicht ausgewählt werden konnte. D.h. erst Benutzernamen eingeben, Enter drücken, die Login-Fehlermeldung abwarten – erst dann konnte ich das Passwort eingeben. Für Windows-Nutzer: wer eine Installation des Browsers scheut kann auch eine sogenannte „Portable Version“ herunterladen und ohne Installation ausführen. Mir fehlen Funktionen in der Browseranwendung, wie beispielsweise ausführliche Logs: – wie viel habe ich wann, wo mit welcher Leistung geladen; – wie viel habe ich verbraucht und das bei welchen Geschwindigkeiten und Verbrauchereinstellung. Weiterhin fehlt mir eine Vorklimatisierung unterwegs ohne am Strom zu hängen (wäre gerade mit Hund und/oder Kind sehr angenehm!). Aber immerhin: schön dass es die VH nun gibt, und diese z.B. über den Ladezustand informiert (während man sich vom Fahrzeug entfernt aufhält). Für Freunde der 80 Prozent Laderegel: ich kann in der VH definieren, dass ich bei einem wahlfreien Ladezustand informiert werde.


smart times 2013

Die smart times 2013, das grösste smart Fantreffen der Welt, fand dieses Jahr auf dem Flugplatz in Buochs bei Luzern statt. Von Zuhause sind dies etwas über 50 vorwiegend Autobahnkilometer. Für hin- und retour reicht die Reichweite. Aber wir möchten ja auch noch bei der grossen Parade mitfahren. Von daher ging es nach Ankunft in Buochs zunächst an die von Smart bereitgestellte Lademöglichkeit, wo unser ED Cabrio in Eintracht mit anderen EDs (v2, Brabus, sogar die elektrisch-geflügelte edition by Jeremy Scott-Variante) am Mädchenstrom nuckelte. Damit war auch die Teilnahme an der leider im strömenden Regen stattfindenden Parade-Ausfahrt möglich.

Offiziell nahmen 1203 Fahrzeuge an der Parade teil – neuer Weltrekord. Wir sind da wahrscheinlich nicht mitgezählt, da wir uns vom Laden kommend in die laufende Smart-Parade einschmuggelten, und nicht in Reih und Glied mit den übrigen Teilnehmer-Smarts aufgereiht waren. Die Ausfahrt führte touristisch wertvoll über 20Kilometer entlang des Vierwaldstättersees nach Seelisberg, und von dort wieder zurück. Unser Smart ED war sogar bei der Parade mitfahrend auf VOX bei AUTO MOBIL in einem Beitrag über die smart times 2013 zu bewundern. Feuchtigkeitsbedingt mussten wir während der Paraderundfahrt sporadisch die Lüftung einschalten, welche den Stromverbrauch neben dem regenbedingten erhöhten Rollwiderstand ansteigen liess. Ohne (längere) Langsamladung am Festivalort, vor und nach der Paradeausfahrt hätte die Reichweite nicht gereicht. Die smart times 2014 findet übrigens in Cascais, Portugal statt. Ob ein abenteuerlustiger ED Fahrer die rund 2.000 Kilometer Anfahrt auf eigener Achse zurücklegen wird?

Machbar wäre es bei guter Planung – und dem optional mitbestellbaren 22 kW Lader der Firma Brusa. Super, das Smart einen solchen Einsatzbereich erweiternden Lader anbietet. Andere Hersteller dürfen sich da gerne ein Beispiel nehmen! Damit kann der Smart in überschaubarer Zeit (ca. 1 Stunde) voll geladen werden. Und dies z.B. an mehreren tausend öffentlich zugänglichen Ladepunkten in Deutschland und mehreren hundert in der Schweiz.


FAZIT

Wenn Smart ED, dann als Cabrio – so unser Fazit. Gerne auch mit Jeremy Scott Flügeln ;-). Sehr schick ist auch das BoConcept Sondermodell! Schön, dass es nun auch die Sondereditionen in elektrischer Ausführung zu bestellen gibt, das ging im vergangenen Winter noch nicht. Das Cabrio würde ich mit folgenden Sonderausstattungen bestellen: Rekuperationspaddles, Sitzheizung, LED-Tagfahrlicht und 22 kW-Lader. Dazu nachträglich noch einen Doppel-DIN Naviceiver mit dort angeschlossener Rückfahrkamera statt ED- mehrwertfreien Smart Naviceiver, ordentliche Lautsprecher und nachträglich gedämmte Türen. Wobei: eigentlich geniesse ich die Ruhe in elektrisch betriebenen Fahrzeugen so sehr, dass es wohl auch das 08/15 Standardradio und nachgerüsteter Parkpiepser tun würde. Für die kalten Tage würde ich es den TESLA Roadster-Fahrern gleich tun und eine Heizmatte im Fussraum via 12 Volt Anschluss anbringen.

Zu einem Smart ED Cabrio gibt es derzeit keine elektrisch-angetriebene und in Serie hergestellte Alternative. Die einzige Möglichkeit lokal emissionsfrei Frischluft auf vier Rädern zu geniessen wäre ein Occasionskauf des Fahrleistungskönigs TESLA Roadster. In der Grossstadt ist allerdings der Smart König. Aber auch ausserhalb ist das ED Cabrio in der tunnelverwöhnten Schweiz so verkehrt nicht. Im Smart kann ich das Verdeck mit Knopfdruck schliessen und öffnen. TESLA Roadster Piloten müssen anhalten und das Dach von Hand montieren, um Tunnellärm und -luft draussenzulassen. Für Überland-Cabrio-Genussausfahrten wäre eine ohne-wenn-und-aber-Reichweite von rund 200 Kilometern natürlich sehr angenehm. Chapeau aber an Smart einen optionalen Standard-Schnelllader (Typ 2 statt CCS) anzubieten.

Smart ED und TESLA Roadster haben noch eine Gemeinsamkeit: beides sind Fahrzeuge mit Seele – etwas Besonderes und Zeitloses.

 

AQQU – Smart ED Cabrio Testbericht

Automobilwoche

 





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