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Energie die bewegt


Nissan Leaf – Winterreichweite


Posted on 11.02.2014 , by Oliver Zechlin in Allgemein . No Comments

Nissan Leaf – Winterreichweite

Wie weit mag ich mit einem winterbereiften Nissan Leaf im Winter kommen? Die Zeitschrift Auto Bild veröffentlichte in der Ausgabe 01/2014 einen reißerischen Angstmacherartikel über im Winter dahinschmelzende Reichweite („So kalt erwischt der Winter Elektroautos„). Der Nissan Leaf schaffte bei Gefrierschranktemperaturen und über Nacht ausgekühlter Batterie auf einer „typischen Pendlerstrecke“ wie der gewählten Passstraße (diese galt es möglichst schnell zu durchheizen) im Deferregental in Österreich keine 70 Kilometer. Ich wurde von einigen Freunden auf den Artikel angesprochen. Nicht wegen der Unsinnigkeit des Tests, sondern eher besorgt warnend und ob ich das denn wisse – nicht das ich unterwegs mit leerer Batterie liegen bleibe. Autsch. Bild dir deine Meinung. Ähnlich alltagspraxisbezogen ist in der gleichen Ausgabe der Artikel über Bleifußfahren („Bis zu 62,5 Liter Verbrauch – das kostet Vollgas!„). Ob ich mit dem Leaf die Jaguarvollgasreichweite von 112 km auch bei kalten Temperaturen erreichen kann? Die Antwort vorab: ja. Wenn auch nicht ganz so rassig und ohne Heizung. Und es hilft in der Schweiz unterwegs zu sein.

Ich wollte vergangenen Samstag drei Ziele anfahren. Ziel Nummer 1: das Emmen Center (Einkaufscenter mit 80 Geschäften und 2400 Gratis Parkplätzen) bei Luzern. Dort wurde kürzlich eine Typ2-Ladesäule in Betrieb genommen. Der Betreiber der Ladesäule, die Energiedienstleisterin CKW, hatte am Samstag im Einkaufscenter eine kleine Aktion mit Gewinnspiel und Ausstellung. Weiterhin wollte ich die neue Ladegelegenheit fotografieren um diese im GoingElectric Stromtankstellenverzeichnis zu erfassen. Ziel Nummer 2: der Fabrikladen des Schokoladenherstellers Felchlin in Ibach im Kanton Schwyz. Ziel Nummer 3: das Einkaufscenter seewen in nächster Nähe, um auch dort die Lademöglichkeit zu verifizieren und für das Stromtankstellenverzeichnis aufzunehmen. Die Fahrtroute sowie Restreichweitenabschätzung ermittelte ich mit dem online Routenplaner von CarWings. Bei diesem konnte ich sämtliche Zwischenziele der Route eingeben, und nicht nur das: die fertige Route kann von CarWings aus in das Navigationsgerät des Leaf übertragen werden. Sehr praktisch. Die berechnete kürzeste Route unter Vermeidung von Autobahnen betrug knappe 100 Kilometer. Es waren letztendlich ein paar Kilometer weniger, da ich ein bekanntes Streckenstück des Weges optimierend abkürzen konnte. Laut mitlaufendem Garmin GPS fuhr ich 95 Kilometer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 33 km/h bei einem Auf von 845 Meter und einem Ab von 829 Meter. Meine Zwischenzielhalte würden kurz sein: kein Risiko dass der Akku auskühlt und deswegen Reichweite flöten geht.

Da ich nicht weiß ob der Routenplaner die Jahreszeit / Temperatur, sowie Höhe mitberücksichtigt, im Winter entsprechend auch verbrauchserhöhende Winterpneus, war ich ob der prognostizierten drei Restbalken Kapazität bei Zielerreichung skeptisch. Im Hinterkopf legte ich mir schon Plan B mit entsprechenden Lademöglichkeiten zurecht. Deswegen nahm ich auch den AQQU Elektroautotestpudel Toni mit auf die Tour: ich war überzeugt im Einkaufscenter seewen eine Ladepause einlegen zu müssen, und wollte diese für eine Gassigehrunde mit Toni nutzen.

CarWings Routenplaner

Höhenmeterprofil der Fahrt

Der Leaf lud über Nacht in der heimischen Garage an der Haushaltssteckdose. Vor Abfahrt nutzte ich noch die CarWings Android App um die Heizung des Fahrzeuges von der Wohnung aus anzustellen. So vertrieb der Leaf mit seiner elektrischen Standheizung die nächtliche Innenraumkälte, während er noch am Netzstrom hing. Der Akku war mit 13.1°C Abfahrtstemperatur angegeben, also fern von den Kühlschrankbedingungen des Auto Bild Tests.

Leaf Spy Pro - Abfahrt

Den Batteriezustand kontrollierte ich während der Tour auf meinem Android Smartphone via der App Leaf Spy Pro. Diese App bekommt via Bluetooth-Stecker (OBD2-Schnittstelle) die notwendigen Informationen vom Fahrzeugbus. 20.8 kWh (91.9% SOC; SOC steht für State of Charge) standen für die Fahrt bereit.

Die App kann mir eine Restkapazität in Prozent anzeigen, und nicht nur Kapazitätsbalken und wankelmütige Restkilometer wie im Cockpit des „alten“ Leafs (jene Modelle vor Frühjahr/Sommer 2013, ohne Wärmepumpe und in Japan gebaut). Die Anzeige bei den aktuellen Leaf Modellen kann umgeschalten werden – dort ist auch ohne extra Hard- und Software eine Prozentdarstellung aktivierbar.

Das Wetter war zunächst reichweitenfreundlich: Nebel gebot einer angepassten Fahrgeschwindigkeit. Selten fuhr ich 80 (Höchstgeschwindigkeit auf Schweizer Landstrassen), meist eher 70 km/h. Ein Verkehrshindernis war ich bislang mit meinen Testfahrzeugen nicht, „sportliche Fahrer“ sind glücklicherweise hiesig eher selten. Dies ist zum Teil auch der Raserinitiative zu verdanken. Die Aussentemperatur beim Losfahren betrug 2°, und viel mehr sollte es auch am Ende meiner Rundtour nicht sein.

Nebelbedingt fuhr ich mit Ablendlicht. Weiterhin lief der Radio. Sporadisch schaltete ich die Lüftung ein um die Seitenscheiben freizupusten (Defrost: an, Frischluft: an, 16°, AC: aus). Ebenfalls sporadischer Luxus: die wärmespendende Sitz- sowie Lenkradheizung.

Mit 17.4 kWh Batteriekapazität (SOC 78.1%, 10/12 Balken) kam ich nach 26 Kilometern im Emmen Center an. Die Batterietemperatur war mittlerweile auf knapp 11° Celcius gefallen. Die neue Ladesäule befindet sich im Erdgeschoss des Parkhauses, Richtung Ausfahrt gleich nach den Töff-/Velostellplätzen. Eine Signaltafel weist darauf hin, dass die Stellplätze nur für ladende Elektrofahrzeuge erlaubt sind. Ich stellte den Leaf trotzdem auf einen der beiden Stellplätze um Fotos zu machen. Hinterher ging es noch einen Sprung ins Center um einen Blick auf die CKW Ausstellung zu werfen. Dort waren u.a. eine Ergometer-betriebene Carrera-Bahn zu sehen, sowie ein Volvo C30 Electric, ein Volvo V60 Diesel-Plugin-Hybrid und Ladequipment. Retour wieder am Auto fand ich prompt einen „Strafzettel“ an der Scheibe. 40 CHF wegen unerlaubtem Parkierens ohne zu Laden. Hervorragend – das Emmen Center überprüft und verteilt Bußen. Sehr ordentlich, so gehört sich das! Die Buße ist im Center Büro zu entrichten, wo mir die Strafe sogar erlassen wurde nachdem wir uns über Elektroautos, Ladekabelvarianten etc. unterhielten. Gänzlich unverständlich war meiner Gesprächspartnerin die Tatsache das es (noch) kein Roaming gibt, „wie bei den Handies“. Gut erkannt. Die CKW-Säule ist ein teurer Ladespaß für langsam-Lader wie den Leaf. Für Kunden des Energieversorgers kostet eine Freischaltung von max. vier Stunden Ladezeit per SMS 5 CHF, für nicht-Kunden 7 CHF.

Verwarnung wg. Parkieren ohne Laden

Weiter im Programm. Das Navi schaltete automatisch auf das neue Zwischenziel, hatte allerdings kurz nach Parkhausausfahrt noch keinen Satellitenempfang. Prompt fuhr ich, noch ungeleitet, falsch –  was mit ca. 4 Kilometer Umweg bestraft wurde. Mittlerweile nebelfrei, fuhr ich nur noch mit Tagfahrlicht und, solange ich keinen Verkehr behinderte, weiterhin einen Tick langsamer als die maximal erlaubte Geschwindigkeit. Bei Ankunft in Ibach, nach 40 Kilometern Fahrt, verblieben noch 12.0 kWh im Akku (SOC 54.9%, 6/12 Balken).

Ich parkierte den Leaf auf einen der vier Besucherparkplätze des Fabrikladens der Schokoladenfabrik Felchlin. Ein „normales Auto“ stand bereits dort. Just als ich ausstieg rollte auf Samtpfoten ein weiterer Nissan Leaf heran, und belegte den dritten der vier Parkplätze. Eine vierköpfige Familie entstieg dem blauen Leaf mit Luzerner Zulassung um ebenfalls Schoggi-Köstlichkeiten zu kaufen. Wir witzelten noch dass sich Elektroautos nie durchsetzen würden… 😉

2 von 3 Fahrzeugen sind elektrisch betrieben

Nach nur kurzer Fahrt erreichte ich Zwischenziel Nummer 3: das seewen Einkaufscenter, und die dortigen Elektroautoladeplätze im Parkhaus. 11.5 kWh (SOC 52.3%, weiterhin 6/12 Balkon) verblieben für die Heimfahrt. Ich hatte am letzten Zwischenziel bislang gerade einmal die Hälfte der Anfangskapazität verfahren. Nach Dokumentation der Ladeplätze für das Stromtankstellenverzeichnis fuhr ich gleich weiter, nach Hause. Ganz ohne Reichweitenangst.

Zu Tonis Verdruss fiel der anvisierte Gassi-Spaziergang zum Lauerzsee in Seewen aus. Zu meiner Freude kam uns auf der Fahrt nach Hause ein schwarzer Tesla S mit Schwyzer Kontrollschild entgegen.

Mit 7.8 kWh (SOC 37.7%, 4/12 Balken – damit 1 unter Par!) Rest im Elektronentank rollte ich wieder in die heimische Garage. Die Cockpitanzeige meinte ich könne mit den verbliebenen vier Balken noch um die 50 Kilometer weit fahren – und das nach über 90 Kilometer bei 2°C Außentemperatur. Die Geschwindigkeit macht die Musik. Und der Verzicht auf die Klimaanlage/Heizung.

Leaf Restreichweite

Leaf Spy Pro - Ankunft

Auch wenn Toni der AQQU Elektroautotestpudel gerne Elektroauto fährt (viel lieber als Verbrennerfahrzeuge) kam er auf der Rundfahrt gassigehtechnisch doch zu kurz. Nach einer Brotzeit zu Hause hieß es wieder: ab ins Auto. Diesmal war die Fahrt jedoch nur kurz. Unser Ziel war der Park & Charge Ladepunkt oberhalb des Casinos in Zug. Dort durfte der Leaf dann langsam Elektronen nuckeln während Hund und Herrchen den Zugerberg bezwangen um noch etwas Winterlandschaft zu geniessen.

Fazit: Ja, auch wenn die Auto Bild Experten anderer Meinung sind: der Nissan Leaf (speziell mit Winterpaket –> Lenkradheizung!) ist wintertauglich. Würde er sich sonst so gut im nordischen Norwegen verkaufen? Elektroautos erreichten dort 2013 einen Marktanteil von rund 5.5 Prozent. Der Leaf war mit 58% der verkauften Elektroautos der dortige König der Stromer! Im Januar 2014 war der Leaf sogar das meistverkaufte Auto in Norwegen überhaupt.





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